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WISSENSCHAFT, INDUSTRIE UND KUNST: HERMANN KRONES
HISTORISCHES LEHRMUSEUM FÜR PHOTOGRAPHIE
ALS MODELL EINER PHOTOGRAPHIEGESCHICHTE

"Das ’Historische Lehrmuseum für Photographie’ ist ein einzigartiger Entwurf einer Geschichte der Fotografie und ihrer Anwendungen in Alltag, Wissenschaft und Gewerbe im 19. Jahrhundert, in dem Hermann Krone seinen eigenen Beitrag zur technischen Entwicklung des Bildmediums auf denkmalhaft - exemplarische Weise und zugleich als didaktisches Material für die Unterrichtung der Nachkommen vorstellt."(1)


Durch seine langwährende Praxis von über sechs Jahrzehnten konnte Hermann Krone über authentische Erfahrungen schon aus der Frühzeit der Photographie berichten. Er war ein aktiver Mitgestalter und aufmerksamer Begleiter jener überaus wichtigen Periode in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während dieser wurden in internationalem Austausch und Konkurrenz eine Vielzahl unterschiedlicher Verfahren und Anwendungsmöglichkeiten der Photographie entwickelt. Die Summe seiner Erfahrungen versammelte Krone in seinem "Historischen Lehrmuseum für Photographie".

Er erarbeitete eine Lehrsammlung mit Bildbeispielen, die einen systematischen Überblick über die Verfahren und Anwendungsgebiete der Photographie geben sollte. Da er dabei gleichzeitig auch seine Praxis als Photograph historisierte, entstand ein individueller Entwurf einer Geschichte der Photographie.
Zur gleichen Zeit wurden auch andere Lehr- und Mustersammlungen zusammengestellt, die sich auf photographische Abbildungen stützten. Als speziell auf Photographie und Photographiegeschichte bezogene Darstellung ist Krones Modell einzigartig.

Die Lehrsammlung wurde in ihrer überlieferten Form vermutlich nach 1895 zusammengestellt. Dies geschah bereits mit Blick auf die Emeritierung Krones im Jahre 1907 und die geplante Übergabe einer Stiftung an die Technische Hochschule Dresden.

Die Bildausstattung des Lehrmuseums umfaßt den Zeitraum von 1843 - 1898, mit einer Ausnahme für das Jahr 1907. Die Abfolge der Lehrtafeln folgt dem Entwicklungsgang der bekanntesten Negativ- und Positivtechniken im 19. Jahrhundert und ihren praktischen Anwendungen. Krone verwandte überwiegend Bildbelege aus seiner eigenen Praxis, setzte aber auch Aufnahmen anderer Berufsphotographen ein. Die Lehrsammlung enthält außerdem zahlreiche Beispiele für Drucktechniken, die aus Fachzeitschriften entnommen wurden.

Zum Zeitpunkt seiner Übergabe an das neugegründete Wissenschaftlich - Photographische Institut der Technischen Hochschule Dresden im Jahr 1907 bestand das Lehrmuseum aus 141 Lehrtafeln mit ca. 1100 Bildern, aus 12 Rahmen mit Daguerreotypien und ca. 600 Negativen. Dieser Fundus blieb fast vollständig erhalten, gerade oder weil er jahrzehntelang fast völlig in Vergessenheit geraten war. Auch das große Bombardement der Stadt Dresden überlebte die Sammlung aufgrund günstiger Umstände. Über viele Jahre hinweg sorgte die Photochemikerin Irene Schmidt für die Stiftung und das Vermächtnis Hermann Krones. 1998 wurden die Ergebnisse eines von Wolfgang Hesse geleiteten Forschungsprojektes durch die erste große Werkausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt.


Es zeichnete Krones Arbeit aus, dass er sich von Anfang an international orientierte und die Fachliteratur seiner Zeit auswertete. Als Mitglied der Societé française de Photographie, Schüler von Gustave Le Gray und zeitweiliger Inhaber einer Pariser Atelieradresse verfolgte er die aktuellen Entwicklungen in einem weiten Bereich. Seine praktischen Erfahrungen und theoretischen Überlegungen veröffentlichte er in zahlreichen Publikationen. Die Gesamtheit dieser Überlieferungen formt ein Bild des technischen und kulturellen Fortschritts, wie es das 19. Jahrhundert verstand. Die hiermit verbundenen Botschaften beschränken sich jedoch nicht nur auf die Vergangenheit.

Das Zeitalter der Digitalisierung und ständigen Beschleunigung des Wissenszuwachses erscheint in vielfacher Hinsicht als das Resultat der im 19. Jahrhundert angelegten Entwicklungen - einschließlich ihrer Chancen und Gefahren. Deshalb ist es lohnenswert, Krones Hauptwerk, sein "Historisches Lehrmuseum für Photographie" als wertvolles historisches Artefakt und als kompaktes Geschichtsmodell kennenzulernen. Es kann sein didaktisches Potential besonders als "nicht vergangene Geschichte" entfalten und damit das Verständnis heutiger Prozesse schärfen.

"Es geht darum, die visuelle Grundlegung unserer modernen Gesellschaft wieder ins Bewußtsein zu rücken, die in der Fotografie eines der sichtbarsten Zeichen fand."(2)

(1) Wolfgang Hesse, Die Re-Produktion der Welt, in: Hermann Krone. Historisches Lehrmuseum für Photographie, Dresden, Amsterdam 1998, S. 7
(2) Michel Frizot, Einleitung, in: Michel Frizot (Hrg.), Neue Geschichte der Fotografie, Köln 1998, S. 13